Menschliches Versagen deckt fehlende Nachhaltigkeit auf
Rückblick: Jahr der Natur- und Umweltdesaster
publiziert: Montag, 27. Dez 2010 / 09:33 Uhr
Durch Öl verseuchtes Meer.
Durch Öl verseuchtes Meer.

Wien - Schon im ersten Jahresdrittel deutete sich an, dass 2010 als Katastrophenjahr in die Geschichte eingehen wird. Bewegungen im Erdinneren und Klimaereignisse beherrschten die Emotionen und Schlagzeilen, jedoch auch eindeutig vom Menschen verschuldete Tragödien wie etwa die BP-Ölpest im Golf von Mexiko.

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Reagiert auch die Politik nur sehr verhalten auf die Zeichen der Zeit, haben sie bei der Zivilgesellschaft zu einem Anstieg des nachhaltigen Bewusstseins geführt.

Grosse Beben, Fluten und Brände

Im Januar zerstörte ein Beben das völlig verarmte Haiti. Der Aufbau des Karibikstaates verläuft trotz weltweiter Spenden nur schleppend und wird seit Oktober von der Cholera-Epidemie erschwert. Ende Februar folgte ein wesentlich stärkeres Erdbeben in Chile, im März eines in der Osttürkei, ehe im April der Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island Europas Flugverkehr stilllegte. Im Oktober überraschte ein Tsunami die indonesische Insel Sumatra.

Die Meldungen des Sommers gehen auf die Kappe des Wetters. Dauerregen führte in Deutschland, Tschechien und Polen zu Hochwasser, schliesslich auch in Südwestchina und Pakistan, wo 14 Mio. Menschen obdachlos wurden. Gleichzeitig plagten Torf- und Waldbrände weite Teile Russlands. Alle diese Erscheinungen gehen auf ein wochenlang stabiles Hochdruckgebiet über Russland zurück, das warme Luft aus dem Süden anzog und westlich und östlich davon sintflutartige Niederschläge verursachte. Allerdings erlebte auch Brasilien eine extreme Waldbrand-Saison.

Hohe Kosten der Schlamperei

Zahlreiche weitere Tragödien wurden hingegen menschlich verschuldet, allen voran die Explosion der BP-Ölbohrinsel «Deepwater Horizon» im April. Bis am 15. Juli das entstandene Ölförder-Leck am Meeresboden verstopft wurde, strömten 700 Mio. Liter Rohöl in den Golf von Mexiko und verschmutzten weite Teile der US-Golfküste. Die langfristigen Folgen für die Umwelt sind noch nicht abzuschätzen.

Erst durch die weltweit steigende Sensibilisierung für das Thema wurde eine Ölpest vergleichbaren Ausmasses im Nigerdelta bekannt, wo aus lecken Shell-Pipelines seit Jahrzehnten jährlich 40 Mio. Liter Öl ausfliessen. Jüngste über WikiLeaks verbreitete Dokumente verweisen zudem auf eine vertuschte Explosion einer weiteren BP-Ölplattform 2008 im Kaspischen Meer. Langfristige politische Konsequenzen hatte bislang keines der Ereignisse, denn das internationale Rennen um die letzten Ölvorkommen geht ungebremst weiter.

Ruf nach mehr Nachhaltigkeit

Die Ausbeutung von Bodenschätzen forderten jedoch auch anderswo Tribut. So sehr die Rettung von 33 chilenischen Bergarbeitern 69 Tage nach dem Einsturz ihrer Kupfermine gefeiert wurde, gab es für 200 Kumpels in der Türkei, Russland, China, den USA und Neuseeland keine Erfolgsmeldung. Die Vorfälle sind somit für den Bergbau ebenso Alarmzeichen für fehlende Nachhaltigkeits- und Sicherheitsstandards wie Ungarns Giftschlamm-Unglück für die Aluminiumbranche.

Der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit wird immer lauter. Entscheidungen wie etwa die Laufzeit-Verlängerung der Atommeiler Deutschlands verlieren an Rückhalt, haben die Rekordproteste gegen Atommülltransport gezeigt. Brasiliens kurzsichtige Strategie, durch den Megastaudamm «Belo Monte» das Ende seines Regenwaldes zu besiegeln, gerät zunehmend international in Diskussion. Das Öko-Bewusstsein wächst und die Solarbranche fiebert auf baldige Netzparität hin, Elektromobilität schafft es jedoch ohne Starthilfen noch kaum aus der Nische.

Kleine Fortschritte im Artenschutz

Dass der Klimawandel kein Hirngespinst und ein Umdenken in Konsum und Energie dringend nötig ist, liegt auf der Hand. Gletscher und Polkappen schmelzen weiter, 2010 war das wärmste Jahr der Aufzeichnungen und lieferte zudem erneut einen CO2-Emissionsrekord. Die Industrieländer einigten sich zwar am UN-Klimagipfel in Cancún, ihre Ausstösse bis 2020 um 20 bis 40 Prozent zu verringern und die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Ob und wie der bisher einzige rechtsgültige Klimavertrag von Kyoto 1997 verlängert wird, verschob man allerdings erneut auf die nächste Klimakonferenz.

Politische Fortschritte im Umweltschutz gab es allerdings, zumindest bei genauem Hinsehen. Im «Jahr der Artenvielfalt» wurden die Grundsteine für eine Biodiversitäts-Plattform IPBES gelegt, die künftig analog zum Weltklimarat dem aktuellen sechsten Massensterben der Erde entgegenwirken soll. Die Forschung trug dazu etwa durch die erste Bestandsaufnahme der Meeresbewohner bei. Kleine Erfolge sind der Elefantenschutz und das EU-Einfuhrverbot für illegale Holzprodukte.

Armut in Europa und das neue Bild Afrikas

Europas Themenjahr zur Armut schärfte den Blick auf die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die die Wirtschaftskrise als Erbe hinterlassen hat. Die Aufdeckung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche öffnete vielen die Augen für Gewalt und Missbrauch in Institutionen, jedoch auch in den Familien. Für die Jugendkultur lieferte das tödliche Gedränge der Loveparade in Duisburg einen schmerzhaften Einschnitt.

Abseits von Tragödien lenkte die Fussball-WM in Südafrika den Blick der Welt auf Afrika. Das Sportevent lieferte ein neues, lebensfrohes Bild des lange vergessenen Kontinents, der immer selbstbewusster wird. Ist auch in einzelnen Ländern wie etwa dem Kongo das Hungerproblem weiter immanent, sehen Experten besonders aufgrund einer neuen Politikergeneration und Frieden gute Chancen für eine weitere positive Entwicklung.

Ära der Antibiotika geht zu Ende

Für die Arzneimittelforschung bedeutet 2010 eine Niederlage. Kein einziges neues Antibiotika-Wirkprinzip kam auf den Markt, was die Medizin angesichts des Vormarsches resistenter Keime zu Umdenken und kritischer Arzneiverordnung zwingt. Symptomatisch dafür bereitete im Sommer das zuerst in Indien aufgetretene Superbakterium NDM-1 Schrecken. Hoffnung geben zwei neue MS-Medikamente sowie Versprechen einer künftigen Aids-Schutzimpfung.

Trend zu Last-Minute-Reisen

Der Tourismus erholt sich erst sehr langsam von den Folgen der Krise. Wenngleich Kreuzfahrten weiter boomen, sind die Hotelpreise ausserhalb von Top-Destinationen niedrig. Zurück geht das vor allem darauf, dass Reisende mehr auf ihr Geld schauen, kürzer verreisen oder auf Last-Minute-Schnäppchen hoffen. Viele Anbieter suchen ihr Heil in der Online-Werbung, da bereits die Hälfte aller Reisebuchungen über das Internet abgewickelt werden.

(sl/pte)

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